Pfefferspray / Oleoresin Capsicum (OC)
Seit einiger Zeit benutzt die deutsche Polizei, beginnend mit Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen zusätzlich zu den altbekannten Kampfstoffen CN und CS nun auch das bereits aus Amerika bekannte Pfefferspray.
Der Wirkstoff ist das Oleoresin Capsicum, abgekürzt OC, mit dem Hauptbestandteilen Capsaicin (8-methyl-N-vanillyl-6-noneneamid), Dihydro- und Nordihydrocapsicain.
Es handelt sich um ein Extrakt
aus dem Fruchtfleisch verschiedener exotischer Chili-Pfefferpflanzen, das
schon seit langem als medizinischer Wirkstoff in Schmerz- und Wärmesalben
zur Behandlung von rheumatischen Beschwerden und Muskelverspannungen sowie
in Präparaten zur Behandlung der Schuppenflechte, ferner als würzender
Zusatz in der Lebensmittelherstellung eingesetzt wird.
Die "Schärfe" wird
gegenüber dem üblichen Pfeffergewürz mit dem 3000-fachen
angegeben.
Die für den Einsatz
bei der deutschen Polizei mit Wasser auf 10% verdünnte Lösung
wird aus Sprühdosen in Form eines feinen Strahls bis zu 5 Meter weit
ausgestoßen. Als Treibmittel dient Stickstoff, der zumindest in chemischer
Hinsicht keine zusätzliche schädigende Wirkung entfaltet.
Außerdem befinden
sich offenbar Geschosse in der Erprobung, die den Wirkstoff erst beim Auftreffen
auf das Zielobjekt (das sind dann wir) in Form eines feinen Pulvers freigeben.
Im Wesentlichen wirkt OC durch zwei Mechanismen, die am Erfolgsorgan jeweils eine weiter differenzierte Reaktion hervorrufen:
1.) Die Reizung von Chemo-Nozizeptoren
in der Haut
Chemo-Nozizeptoren sind
schmerzempfindende Sinneszellen in Haut und Schleimhaut, die auf chemische
Reize - in diesem Fall das Capsicain - reagieren. Im Bereich der Schleimhäute
tritt die Wirkung aufgrund der verringerten Barrierefunktion deutlich schneller
und ausgeprägter ein. Die Reizung der Nozizeptoren bewirkt über
die Ausschüttung des Neurotransmitters (Überträgersubstanz
des Nervensystems) Substanz-P eine akute Membrandepolarisierung.
Die in der medizinischen
Anwendung erwünschte analgetische (schmerzstillende) Wirkung erklärt
sich über den bei längerfristiger Anwendung entstehenden Mangel
an Substanz-P, der die Erregungsleitung blockiert.
2) Die Auslösung
einer lokalen Entzündungsreaktion
Histaminausschüttung...
Permeabilitätssteigerung der Membranen... Ödem... Rötung
Schwellung Schmerz
(Sorry, dieser Abschnitt muß noch bearbeitet werden)
Diese beiden Mechanismen
rufen am Menschen je nach betroffener Körperstelle verschiendene Symptome
aus.
Am Auge...
Am bekanntesten ist schon
von den Kampfstoffen CN und CS die Wirkung am Auge. So gesehen (oder nach
Einwirkung nix mehr gesehen) ist auch OC ein "Tränengas":
- heftig brennende Schmerzen
- krampfhafter Lidschluß
- Rötung und Schwellung
der Augenbindehaut
- starker Tränenfluß
- Schäden am Hornhautepithel
Die Benutzung von Kontaktlinsen
kann zu einer Depotbildung unter der Linse und damit zu einer Verstärkung
der schädigenden Wirkung an der Hornhaut führen.
Anwendungsdistanzen von
unter einem Meter können außerdem unmittelbar zu mechanischen
Augenschäden führen.
Soweit zunächst nichts Neues! Dennoch gibt es wichtige Unterschiede:
Trotz den gegenüber
CN und CS fehlenden Kristallen im Sprühnebel ist auch bei OC eine
Schädigung des Hornhautepithels möglich. Behauptungen der Hersteller
und der Polizei, diese Schäden würden folgenlos abheilen, ist
zumindest zur Zeit eher nicht zu trauen, da die in Deutschland untersuchten
Fallzahlen noch erheblich zu gering sind.
Durch die bei längerer
Einwirkzeit eintretende schmerzstillende Wirkung (siehe oben) ist außerdem
ein Nachlassen der Lidschlagfrequenz möglich, das über eine verminderte
Befeuchtung, Ernährung und Reinigung der Hornhaut (alles Aufgaben
der per Lidschlag verteilten Tränenflüssigkeit) eine Abheilung
eventueller Hornhautschäden beeinträchtigt.
An der Haut...
Neu ist an OC die gegenüber CN und CS schneller und ohne Weiteres auftretende Wirkung auch an "normalen" Hautstellen:
- imtensiver brennender Schmerz
- Rötung und Quaddelbildung
der Haut durch Histaminausschüttung
- In schweren Fällen
bis zur Blasenbildung
Die längere Einwirkzeit
und/oder das Zusammenwirken mit Feuchtigkeit, bei CN und CS normalerweise
als Ursachen für schwere Hautschäden verantwortlich, sind bei
OC gar nicht erst erforderlich.
In den Atemwegen...
Die zweifellos gefährlichste und von Herstellern und Polizei daher am meisten heruntergespielte Wirkung ist der Effekt auf die Atemwege. Angeblich soll die Art des Sprühstrahls der Polizeigeräte das Eindringen von OC in die Atemwege unwahrscheinlich machen. Von den altbekannten Tränengassprühdosen ist jedoch gesichert, daß Treffen in Kopfhöhe gerade in kritischen Situationen mit schneller und tiefer Atmung der Betroffenen für eine Reaktion absolut ausreichende Mengen in Mund und Atemwege eindringen lassen. Als übliche Wirkung sind bereits von CN und CS bekannt:
- heftiger Husten-, eventuell
auch Würgereiz
- massiv gesteigerter Speichelfluß
Insbesondere für prädisponierte (vorerkrankte) Personen besteht bei Einsatz von OC genau wie auch bei CN und CS die Gefahr lebensgefährlicher allergischer Reaktionen mit akuter Atemnot aufgrund der Asthma-Trias:
- Bronchokonstriktion (muskuläre
Verengung der Bronchien)
- Hyperdiskrinie (stark
vermehrte Bildung von zähem Schleim in den Bronchien)
- Bronchialschleimhautödem
(Schwellung, ebenfalls mit Verengung der Atemwege)
- bis hin zum Atemstillstand
Außerdem besteht die Möglichkeit des Auftretens eines
- Laryngospasmus (krampfhafter Kehldeckelverschluß, völliger Verschluß der Atemwege mit Atemstillstand)
Kurzum: Für Personen,
die an Asthma, einschlägigen Allergien oder Infektionen erkrankt sind
oder durch Schwangerschaft, Alter oder körperliche Beschädigungen
Einschränkungen der Atmung nicht mehr kompensieren können, stellt
der Einsatz von OC wie auch allen anderen reizenden Kampfstoffen potentiell
eine akute Lebensgefährdung dar.
Der Anteil der an den genannten
Grunderkrankungen leidenden Kinder steigt von Jahr zu Jahr deutlich an.
Ein wesentlicher Anteil an dieserm Anstieg wird der zunehmenden Umweltverschmutzung
zugeschrieben. Genau jene, die als Erkrankte am schwersten an dieser Entwicklung
zu tragen haben, werden, wenn sie sich beispielsweise anläßlich
von Atommülltransporten in Form direkter Aktion für den Umweltschutz
einsetzen, in polizeilichen Gewaltorgien zum zweiten Mal zum Opfer.
Im Kopf...
Die bisher beschriebenen körperlichen Reaktionen sind alle geeignet, zumindest unaufgeklärte Betroffene in Angst und Schrecken zu versetzen. Ob, wie gerne von Herstellern und Polizei behauptet, Betroffene nicht nur kampf-, sondern wirklich handlungsunfähig werden, ist zu bezweifeln: Unserer Ansicht nach werden sich die Opfer eines OC-Angriffs vielmehr mangels klarer Sicht ungezielt und damit unberechenbar verhalten - eine weitere, unnötige Gefährdung für sie selbst, die "Ordnungskräfte" und dritte Personen.
Schließlich besteht
bei älteren Patienten oder solchen mit aus anderen Gründen vorbestehender
Neigung zu akzidentiellen Blutdruckanstiegen aufgrund der schmerz- und
angstbedingten sympatoadrenergen Stimulation die Gefahr akuter hypertensiver
Entgleisungen mit allen bekannten, zum Teil wiederum lebensbedrohlichen
Folgen.
Vorbeugung
Aus medizinischer Sicht muß allen Personen, die an den oben erwähnten Erkrankungen leiden, von einer OC-Exposition dringend abgeraten werden. Alle nachfolgend genannten Schutzmaßnahmen sind entweder ohnehin relativ unwirksam oder aber zumindest keineswegs absolut sicher und bieten daher für diesen Personenkreis keine ausreichende Verbesserung der Sicherheit!
Die Augen sind nur mit einer dichtschließenden Brille zu schützen. Diese muß bei Schlägen einen Druckausgleich ermöglichen, um mechanischen Augenschäden vorzubeugen.
Der Schutz der Atemwege ist
bei der Einwirkung von OC etwas anders zu bewerten als bei CS und CN.
OC wird zur Zeit ausschließlich
als Flüssigkeitsstrahl und nicht als Nebel oder Beimischung in Wasserwerfern
verwendet und wirkt so, mangels einer Dampfphase, nur an tatsächlich
getroffenen Körperstellen. Darum ist es wichtig, neben flüssigkeitsdichter
Kleidung auch einen ebensolchen Mundschutz zu verwenden. Eine (geringe)
Filterwirkung durch einfache Tücher wie bei CN / CS ist bei OC nicht
zu erwarten; Tücher haben hier nur die Funktion der Abwehr des Flüssigkeitsstrahls.
Erste Hilfe
Eins gleich vorab: Unter Straßenmedizinbedingungen wird es nie eine maximale medizinische Versorgung geben (wenngleich mensch es auch UNTERtreiben kann), sondern nur eine auf das erforderliche Maß beschränkte Notfallversorgung.
Darum empfehlen wir wie bei CN / CS auch für die Behandlung von OC-Einwirkungen zunächst die absoluten Basismaßnahmen:
- Patient aus dem Bereich
der Waffenwirkung an die frische Luft bringen
- Aufrecht hinsetzen
- Beruhigend einwirken:
Wirkung läßt bereits nach 5-10 Minuten nach, sollte nach 45
Minuten abgeklungen sein.
Außerdem sind noch einige weitere Maßnahmen möglich und erforderlich, für die aber entsprechende Ausrüstung erforderlich ist:
An Augen und Haut...
- Spüle bzw. kühle die Augen mit
sauberem (!) Wasser
- Spüle bzw. kühle die betroffene
Haut und Schleimhaut ebenfalls mit möglichst sauberem, kaltem Wasser
Die Effektivität einer
Augenspülung ist mit einer professionellen Augenspülflasche bei
gleichzeitig reduziertem Wasserverbrauch erheblich zu steigern.
Wenn Du sterile, isotone
Kochsalzlösung, Ringer- bzw. Ringer-Lactat-Lösung oder neutrale
Augenspüllösung zu Verfügung hast, wende diese entweder
von Anfang an oder zumindest für die letzten Spülgänge an.
Du verminderst dadurch Reizerscheinungen, die durch Zusätze bzw. fehlende
Substanzen im Leitungswasser entstehen können.
Puffersubstanzen wie Natriumhydrogencarbonat
("Natriumbicarbonat", z.B. in Isogutt) erscheinen uns zur Zeit mangels
einer gefährlich sauren Komponente in OC als nicht erforderlich.
Wie auch bei CS / CN sind "Hausmittel" wie Zitronensaft oder Essig absolut kontraindiziert (d.h. sie dürfen keinesfalls angewendet werden): Beide sind nicht in der Lage, die Kampfstoffe zu neutralisieren, sondern bewirken selbst eine weitere Schädigung des Auges. Von Personen oder Gruppen, die derartige Vorschläge machen, solltet Ihr Euch lieber nicht medizinisch beraten lassen.
Wir suchen gelegentlich, nämlich wenn sich Probanden freiwillig Kampfstoffen aussetzen, nach weiteren für die effektive Dekontamination der Haut geeigneten Substanzen. Über die Ergebnisse der Untersuchungen werden wir Euch hier informieren.
In den Atemwegen:
Tritt bei Betroffenen Atemnot auf, frage sie, ob sie ohnehin schon Probleme mit der Atmung wie Asthma, Heuschnupfen oder andere Allergien haben. Wird dies bestätigt oder bessert sich die Atemnot nicht innerhalb weniger Minuten deutlich, so besteht möglicherweise akute Lebensgefahr.
- Setze den Patienten aufrecht
hin, etwa an eine Wand
- Öffne beengende Kleidung
- Besitzt der Patient eigene
Medikamente gegen Asthmaanfälle, darf er diese in der üblichen
Dosierung einnehmen.
Sorge außerdem dafür,
daß eventuelle Fesseln entfernt oder der Patient zumindest nicht
hinten, sondern vorne "geschlossen" wird. Zu letzterem ist die Polizei
verpflichtet, wenn der Patient über "starke Atemnot" klagt (also ist
sie natürlich "stark")!
Rufe professionelle Hilfe!
Hüte Dich davor, nicht-verordnete
Medikamente zu geben! Auch Asthmasprays können, insbesondere wenn
sie z.B. durch wiederholte Anwendung überdosiert werden, lebensgefährliche
Nebenwirkungen haben.
Weiterversorgung
(ja, ja... ! Kommt Zeit, kommt Rat.)
und, wie immer, unqualifizierte Kommentare gewisser Leute...
Zitat (aus indymedia, gepostet
in der CASTOR-Akutphase):
"Erste Hilfe bei Pfeffersprayeinsätzen
Von: Autonome Sanität
(...) 13.11.2002 14:40
Kurz ein paar Hinweise
zu Pfefferspray:
- von CN/CS zu unterscheiden:
richt nicht, bildet öligen Film auf der Haut.
- lässt sich mit
Fett recht gut von der Haut abwischen, z.B. Creme, richtig gut mit Babytüchern.
- Augen wie bei CN/CS
mit reichlich Wasser spülen.
- Getroffene Hautstellen
kühlen - das nimmt den Schmerz!
Mehr zu Erster Hilfe auf
unserer Homepage."
Tatsache ist dagegen: